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4. Juni 2026

Warum Nein-Sagen so schwerfällt: Die psychologische Funktion hinter dem ständigen Einspringen

Kommt dir das bekannt vor?

Ein neues Nebenprojekt wird am Teammeeting vorgestellt und dann fragt die Vorgesetzte, wer die Verantwortung übernimmt. Alle zögern, da sie bereits viel Arbeit haben. Also meldest du dich. Oder du bemerkst, dass ein Kollege mit seiner Aufgabe im Rückstand ist, und unterstützt ihn, schliesslich muss es jetzt endlich vorwärtsgehen. Auch wenn es niemand ausspricht, wissen alle, du bist die verlässliche Stütze des Teams: schnell, verlässlich, kompetent. Du aber wirst immer unzufriedener, denn in dir wächst eine stille Überforderung.

Zwar bekommst du immer ein Dankeschön, doch die wirklichen Lorbeeren erhalten andere, du wirkst eher als stille, fleissige, kompetente Helferin im Hintergrund. Das empfindest du als ungerecht, es macht dich nochmals unzufriedener. Du bist aber zu müde und unmotiviert, dich für dich einzusetzen. Wie ein Kollege von mir mal sagte, ist es «der Fluch der Kompetenz», dass immer mehr Aufgaben erhält, wer kompetent ist.

In der Verhaltenstherapie sprechen wir von der funktionalen Analyse des Verhaltens. Jedes Muster, das wir über lange Zeit aufrechterhalten, selbst wenn es uns schadet, erfüllt eine Funktion und liefert einen sogenannten sekundären Gewinn.

Wenn du zuverlässig für andere einspringst und dabei dein eigenes Arbeitspensum chronisch überschreitest, reagierst du oft auf tiefsitzende innere Antreiber oder Schemata. In der Schematherapie nach Jeffrey Young lässt sich dieses Verhalten den Mustern „Unerbittliche Standards“ oder „Selbstopferung“ zuordnen. Dein Verstand hat gelernt, den eigenen Selbstwert an die Bedingung der Kompetenz und absoluten Verlässlichkeit zu knüpfen.

Das Paradoxon dabei: Die Überlastung garantiert dir psychologische Sicherheit. Solange du diejenige bist, die alles auffängt, behältst du die Kontrolle. Du vermeidest das unangenehme Gefühl, das bei dir entsteht, wenn du die Erwartungen anderer enttäuschen könntest. Jedes „Danke, für deine Hilfe“ oder «Auf dich ist einfach Verlass» stabilisiert kurzfristig dein Selbstwertgefühl. Langfristig aber belastest du dein Nervensystem. Ein Teufelskreis: Deine Kompetenz führt zu mehr Arbeit, mehr Arbeit führt zu mehr Druck, und die Bewältigung dieses Drucks bestätigt dir erneut deine Kompetenz.

nein-sagen-lernen

Die kognitive Abwehr

Vermutlich analysierst du diese Dynamik external (lese dazu meinen Blogartikel «Dinge weniger persönlich nehmen»). Du analysierst die Struktur des Unternehmens, die Fehler der Führungsebene oder die Ineffizienz des Teams. Diese Analysen sind oft sachlich korrekt. Psychologisch gesehen dienen sie jedoch als Abwehrmechanismus. Sie lenken den Blick weg von deinem eigenen Anteil daran. Was wäre, wenn du einmal Nein sagen und die Verantwortung des Projekts vollkommen anderen überlassen würdest, könntest du die daraus resultierende Unruhe aushalten? Grenzsetzung scheitert meist nicht am Wissen, wie man Nein sagt. Sie scheitert an der Unfähigkeit, die emotionale Konsequenz des Neinsagens zu tragen. Wenn du eine Grenze ziehst, entsteht im ersten Moment keine Entlastung, sondern Angst: Angst vor Kontrollverlust, Angst vor dem Urteil anderer oder das Gefühl von Schuld. Um diese unangenehmen Emotionen zu vermeiden, wählst du unbewusst den vermeintlich leichteren Weg: Du packst an. Um aus dieser Kompetenz-Falle auszubrechen, ist eine analytische Bestandsaufnahme notwendig.

Das Thema «Die Kompetenz-Falle: Wenn Pflichtbewusstsein in die Erschöpfung führt» vertiefe ich in meinem Newsletter vom 2. Juli anhand eines Falls aus meiner Praxis* – inklusive psychologischer Einordnung und einem konkreten Reflexions-Impuls für dich.

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*Hinweis zur Schweigepflicht: Als Psychologin unterstehe ich der strengen beruflichen Schweigepflicht. Alle in diesem Newsletter geschilderten Fälle sind frei erfunden oder so stark verfremdet und aus typischen Mustern zusammengesetzt, dass keine Rückschlüsse auf reale Klient:innen möglich sind. Sie dienen ausschliesslich der Veranschaulichung.