3. März 2026
Digital anwesend, kognitiv abwesend? Unser Denken braucht mehr als nur Präsenz
Wer kennt heute noch Telefonnummern auswendig? Ich kenne genau eine und das ist die meiner besten Freundin aus der Kindheit. Früher konnte man Gedichte, Routen oder Rezepte selbstverständlich memorieren. Heute ist das kaum mehr nötig, denn wir können alles jederzeit nachschlagen. Stattdessen sind andere Fähigkeiten in den Vordergrund gerückt. Wir müssen Quellen prüfen, Informationen einordnen und beurteilen, woher sie stammen und welche Interessen dahinterstehen. Kompetenzen verändern sich im Laufe der Zeit.
In diesem Zuge befürchtet die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, dass unser «Lesegehirn» verkümmert. Sie beobachtet, dass wir Informationen zunehmend auf Bildschirmen konsumieren und Texte häufig nur noch skimmen, also quer lesen. In der Art, wie unsere Augen über den Text wandern, zeigen sich typische Muster. Das F-Muster, bei dem zuerst die erste Zeile gelesen wird, dann am linken Rand nach unten gesprungen und in der Mitte nochmals quer gelesen wird, oder das Z-Muster, bei dem die erste Zeile gelesen, dann diagonal nach unten gewechselt und am Schluss die letzte Zeile erfasst wird. Auf diese Weise nimmt man zwar rasch viel wahr, doch mehr als die Hälfte der Information geht verloren. Und vor allem fehlt die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Text.
Maryanne Wolf, Psychologin und Neurowissenschaftlerin
Das Problem dabei ist: Diese digitale Betriebsamkeit ist im Grunde nur die Fortsetzung des «Skimmens» im Arbeitsalltag. Wir erzeugen eine Fassade von Produktivität, während die kognitive Kapazität für echtes Eintauchen und qualitativ hochwertige Ergebnisse verloren geht. Viele Organisationen fördern dieses Verhalten unbewusst.
Was wäre stattdessen hilfreicher? Wirkung entsteht dort, wo Denken möglich ist, wo Konzentration gefördert wird. Das braucht Phasen ohne permanente Reaktion, ohne dauernde Unterbrechung. Wer nicht nur anwesend, sondern produktiv sein möchte, muss seinem Gehirn Raum für vertieftes Denken geben. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang unser Körper.
Ich erinnere mich gut daran, wie ich in der Schule mit farbigen Stiften Texte unterstrich und mir Notizen machte. Vielleicht kennst du das auch noch. Auf Papier gelingt das deutlich besser. Diese Form des vertieften Lesens nennt man «deep reading». Dabei verknüpfen wir das Gelesene mit unserem eigenen Wissen, stellen Bezüge her und denken weiter. Genau dieser Prozess nimmt ab, wenn wir Inhalte nur noch überfliegen. Studien zeigen, dass das Lesen von Printmedien im Durchschnitt zu einem besseren Leseverständnis führt als digitales Lesen. Zudem weisen Untersuchungen darauf hin, dass die Lesefähigkeit bei jüngeren Menschen abnimmt.
Welche Fähigkeiten möchten wir behalten?
Neue Technologien beeinflussen heute stärker denn je, welche Fähigkeiten wir ausbilden. Dabei geht es nicht darum, alte Prozesse schneller zu machen, sondern völlig neue Herangehensweisen zu entwickeln. Unser Gehirn jedoch passt sich nicht im selben Tempo an. Es verharrt noch einen Moment im Gewohnten. Besonders deutlich zeigt sich das in der Arbeitswelt.
Noch immer haben viele, auch Vorgesetzte, das Gefühl, Sichtbarkeit sei entscheidend, manchmal sogar wichtiger als tatsächliche Wirkung.
- Online-Status als Präsenzbeweis. Der grüne Punkt als Beweis, dass man anwesend ist.
- Kalender als Leistungsanzeige. Wer einen vollen Kalender hat gilt als fleissig.
- Chats als Bühne. Wer viel schreibt, gilt als aktiv.
- E-Mails werden zum Performance-Instrument. Wer viele schreibt, schnell antwortet, und zwar zu allen Tages- und Nachtzeiten, wirkt wichtig.
Verbindung zwischen Denken und Körper
Eine Studie zeigte mittels bildgebender Verfahren, dass Hirnregionen, die für Bewegungssteuerung zuständig sind, direkt mit jenen für Denken und Planung verbunden sind. Diese Verbindung erklärt, warum Bewegung das Lernen erleichtert oder ein geistiger Zustand wie Angst körperliche Reaktionen, wie nervöses Auf-und-Ab-Gehen auslöst.
Stress baut sich im Körper auf. Den ganzen Tag im Büro oder im Homeoffice zu bleiben, trägt nicht zu seinem Abbau bei. Bewegung ist wichtig. Sie lässt sich durchaus in den Arbeitsalltag integrieren, etwa beim Telefonieren oder in geeigneten Online-Meetings.
Byung-Chul Han
Rückbesinnung auf unsere Denkfähigkeit
Wenn wir über die Kompetenzen der Zukunft sprechen, sollten wir uns von der Fixierung auf rein technische Fertigkeiten und maximale Schnelligkeit lösen. Beides täuscht eine Betriebsamkeit vor, die unsere kognitiven Ressourcen eher erschöpft als nutzt. Der entscheidende Punkt ist: Wir können komplexe Probleme nicht mit derselben mentalen Oberflächlichkeit lösen, mit der wir morgens unsere E-Mails scannen. Wahre Produktivität ist letztlich kein technisches, sondern ein biologisches Resultat. Sie entsteht erst dann, wenn wir die Rückbesinnung auf die eigene Denkfähigkeit zulassen, dem Gehirn die nötige Ruhe zur Informationsverarbeitung gönnen und den Körper bewusst in den Arbeitsprozess einbeziehen.
Kennst du diese Dynamik aus deinem Arbeitsalltag? Mit dem Workshop «Ready für die Zukunft? Future Skills durch Mindfulness stärken!» unterstützen wir Unternehmen dabei, genau diesen Wechsel vorzunehmen: Weg von digitaler Betriebsamkeit, hin zu echter kognitiver Kapazität und wirkungsvoller Produktivität.
Das Thema «maximale Aktivität, schwindende Sinnhaftigkeit» vertiefe ich in meinem Newsletter vom 1. April 2026 anhand eines Falls aus meiner Praxis* – inklusive psychologischer Einordnung und einem konkreten Reflexions-Impuls für dich.
*Hinweis zur Schweigepflicht: Als Psychologin unterstehe ich der strengen beruflichen Schweigepflicht. Alle in diesem Newsletter geschilderten Fälle sind frei erfunden oder so stark verfremdet und aus typischen Mustern zusammengesetzt, dass keine Rückschlüsse auf reale Klient:innen möglich sind. Sie dienen ausschliesslich der Veranschaulichung.
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Quellen:
- Dr. Hans Rusinek «Arbeit unter Druck – Impulse für deine Zukunft der Arbeit!» online Event am 4.12.2025
- Tamara Bhandari medicine.washu.edu/news/mind-body-connection-is-built-into-brain-study-suggests
- Interview mit Maryanne Wolf im Tages-Anzeiger, Do. 21. Dezember 2023, Mario Stäuble.
- Delgado, P., Vargas, C., Ackerman, R., & Salmerón, L. (2018). Don’t throw away your printed books: A meta-analysis on the effects of reading media on reading comprehension. Educational Research Review, 25, 23–38.).