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2. Oktober 2022 - Rubrik "Buchrezension" im SBAP-punktum

Das «EVAlutions»-Problem

gleichberechtigung

Ist es wirklich so einfach? Ist es Eva zuzuschreiben, dass die Frauen heute nicht gleichberechtigt leben? Wer sich mit der Gleichberechtigung von Frauen auseinandersetzt, stellt sich unweigerlich die Frage, was der Ursprung der Unterdrückung ist und diese seit Jahrhunderten legitimiert, denn die Beantwortung stellt die Grundlage dar, um diesen Missstand endgültig aus der Welt zu räumen.

Dieser Frage gehen die beiden Autoren Carel van Schaik und Kai Michel in ihrem Buch gründlich auf die Spur. Der Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe, sowie der Historiker und Literaturwissenschaftler durchforsten zwei Millionen Jahre menschlicher Evolution. Erklärtes Ziel ist die aktuellen Geschlechterdebatten zu bereichern.

Wie kommt es also, dass wir seit Generationen mit der Grundidee aufwachsen, Männer seien den Frauen überlegen? So viel vorweg; die Autoren kommen zum Schluss, dass die Diskriminierung von Frauen weder gott-, noch naturgewollt ist.

Dieses Buch löst viele Aha-Erlebnisse aus. Tatsächlich wird bei Adam und Eva begonnen. Und dabei aufgedeckt, dass es sich bei dieser Geschichte um ein Plagiat aus der Antike handelt! In diesem Zusammenhang ist spannend, dass unsere Überlegungen frühestens in der Antike starten. Ausgerechnet in einer Zeit als grösstenteils Männer dominierten. Doch, „dieser Scheuklappenblick blendet 99% der Menschheitsgeschichte aus“. Denn die Ungleichheit bestand nicht schon immer. Mann und Frau, wir können sagen Männlein und Weibchen waren sich in den Anfangsjahren in Statur und Grösse viel ähnlicher.

Dies ist erst die Heranführung an ein Thema, das in 7 Schritten und aufgeteilt auf 27 Kapitel ausführlich behandelt wird. Umfangreich recherchiert gehen die beiden Autoren jedem Hinweis nach und belegen die Fakten mit zahlreichen Quellen. Auf beeindruckenden 701 Seiten (inkl. ausführlichem Quellenverzeichnis) betreiben sie Aufklärung über die Erfindung sozialer Ungleichheit von Frauen und Männern. Dabei werden diverse Disziplinen miteinbezogen. Natürlich ist eine Beleuchtung der anthropologischen evolutionären Vorgänge nötig. Es wird jedoch kein diesbezügliches Wissen vorausgesetzt. Das zentrale Thema ist das Verhalten und Erleben des Menschen über Jahrtausende hinweg; dass dabei die psychologischen Aspekte eine hohe Relevanz haben, versteht sich von selbst.

Ein gewichtiges Werk, sowohl im bildlichen, als auch im wörtlichen Sinne. Das Buch liest sich flott, wenn auch eine gewisse Aufmerksamkeit nötig ist, um all den Verstrickungen folgen zu können. Durch Redundanzen wird der Faden meist wieder aufgegriffen. Es kommt jedoch auch vor, dass sich aufgegriffen Spuren verlieren.

Auf eindrückliche und nachvollziehbare Weise wird mit Mythen, die durch die Wissenschaft entkräftet werden, aufgeräumt und gleichzeitig dazu angeregt, als natürlich oder auch göttlich angenommene Grundsätze zu hinterfragen. Was gar nicht so leicht ist, in Anbetracht der Tatsache, dass wir schon Tausende Jahre mit dieser Denkweise unterwegs sind.

Die Geschlechterrollen (nicht nur binär gedacht) prägen die Identitätsfindung, die Unternehmenskultur, das Familienleben und viele weitere Bereiche. Daher empfehle ich die Lektüre allen, die sich aus beruflichen oder privaten Gründen, mit dem Ursprung der Geschlechterunterdrückung auseinandersetzen möchten, wärmstens.

Sarah Sclafani

Quelle: Carel van Schaik, Kai Michel: Die Wahrheit über Eva - Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern